Wenn´s mir an die Krawatte geht, kann ich ein richtiger Arsch sein!

Es muss schon 1-2 Jahre her sein, als ich eine Einladung zur feierlichen Verabschiedung von Richter Wickeldorn erhielt. In dem Schreiben teilte er mit, dass er nun lange genug Richter gewesen sei und sich auf den wohlverdienten Ruhestand freue.  Im Übrigen bestehe diesmal auch kein Krawattenzwang. Ich war über die Einladung hocherfreut, denn wir hatten uns alles andere als freundlich kennengelernt.

An der Feier nahmen hunderte von Gästen teil. Es gab ein ordentliches Buffet, und auf der im größten Gerichtssaal provisorisch eingerichteten kleinen Bühne wurden an einem kleinen Pult neben dem reichbestückten Geschenketisch Erinnerungsreden geschwungen. Wie zumeist, war ich auf den letzten Drücker gekommen und stand ganz hinten auf Zehenspitzen, um über die Menge hinweg den Geschichten über das Arbeitsleben des Richters zu lauschen. Als er mich zufällig wahrnahm, winkte er mir zu, schnappte sich das Mikrofon und stellte mich den Anwesenden vor. Der Saal drehte sich zu mir um. Im Gegensatz zu mir waren alle festlich gekleidet, und ich hoffte, ich ginge mit meinen Jeans, Sportschuhen und dem obligatorisch bunten Hemd noch so gerade als Bewährungshelfer durch, aber zum Glück interessierte sich niemand für meine Kleidung. Die Leute schauten mir ins Gesicht, und es kann sein, dass ich in diesem Moment peinlich berührt war. Sie behielten mich weiter im Auge, als Herr Wickeldorn die Geschichte unseres Kennenlernens aus seiner Sicht erzählte, und spätestens jetzt musterten sie mich doch von oben bis unten.

Der Richter schmückte die erste und die nachfolgenden Begegnungen aus seiner Sicht gutmütig aus. Die Gäste schauten mich nun freundlich an. Der eine oder andere lächelte mir zu. Ich selbst habe folgendes in Erinnerung:

Ich betrat zum ersten Mal den Gerichtssaal des Amtsgerichts und raten Sie, ob pünktlich oder unpünktlich. Außer Atem begrüßte ich die Protokollführerin, den wartenden Vorsitzenden, den Staatsanwalt und dann meine nervöse Mandantin, die sich schon vergessen geglaubt hatte. Ich entpackte meine schwere Tasche auf dem Verteidigertisch und wurschtelte mich in die zerknitterte Robe. Es kann sein, dass ich noch unser Glück darüber anmerkte, in Deutschland wenigstens nicht auch noch diese bescheuerten Gerichtsperücken tragen zu müssen. Da bemerkte ich den schon leicht verärgerten Blick des Vorsitzenden. „Ach ja, sorry für die Verspätung! Ich bin dreimal um´s Gerichtsgebäude gefahren – kein Parkplatz. Irgendwas sollte sich die Stadt mal einfallen lassen. Das ist ja geradezu eine Behinderung der Verteidigung.“, versuchte ich es mit einem lauen Scherz, weil mir um diese frühe Uhrzeit meistens keine richtig Guten einfallen. Der Wind pfiff aber aus einer völlig anderen Richtung, die mich auf dem falschen Bein erwischte.

„Sie sind nicht ordnungsgemäß gekleidet. Ist ihre Krawatte in der Reinigung?“, zischte er mich mit strengem Blick an.

Normalerweise reagiere ich auf solche Anfeindungen gelassen mit einem Lächeln und sage irgendwas in der Richtung von: „Bitte verschonen Sie mich mit Geschmacksfragen. Wenn Sie gerne wie ein Versicherungsvertreter oder Bankangestellter rumlaufen wollen, ist das Ihre Sache, wobei ich zugeben muss, dass Ihnen die Krawatte ausgezeichnet steht.“

Mein Vater bezeichnete mich früher oft als „Zündhüttchen“. Öfters sagte er zu mir: „Ja, ja, Sohn. Dein Motto war schon immer ´Bloß keinen Streit vermeiden`. Du hast schon den richtigen Beruf gewählt!“  Aber wahrscheinlich lag es diesmal nur an der frühen Morgenstunde, und vielleicht hatte ich wegen der Parkplatzsuche eine Scheißlaune. Jedenfalls sprang das Zündteufelchen in mir hoch, und ich erwiderte stattdessen scharf: „Wenn ich mir Sie so anschaue, sind Sie nicht der geeignete Gesprächspartner, um mit mir über Modefragen zu diskutieren. Noch ein Wort von Ihnen, das nichts mit dem Prozess gegen meine Mandantin zu tun hat, und Sie können sich zur Beratung über einen Befangenheitsantrag zurückziehen und sich bei der Gelegenheit mal auf den neusten Stand der Rechtsprechung bringen. Ich hoffe der ist wenigstens, was den Fall meiner Mandantin betrifft, einigermaßen aktuell!“

Protokollführerin, Staatsanwalt und auch meine Mandantin waren inzwischen Deckung suchend auf ihren Stühlen nach unten gerutscht, so dass ihr Kinn mit der Tischkante eine Linie bildete. Der Richter war vor Wut knallrot angelaufen und in dem Bemühen, den empirischen Beweis zu führen, sein Kopf könne gleich explodieren, setzte ich ein grimassenhaftes böses Lächeln auf, legte den Kopf leicht schief und fügte hinzu:  „Also, was ist jetzt. Gibt´s hier einen objektiven Prozess oder wollen Sie Krieg?“.

Der Vorsitzende schien für einen Moment fassungslos nach Luft zu ringen. Während das Rot in seinem Gesicht schnell abklang, räusperte er sich und sagte beherrscht: „Ich werde das nach der Verhandlung überprüfen und dann hören Sie von mir! Und jetzt rufe ich die Sitzung auf.“

Ich zwinkerte meiner armen Mandantin zu und dann wurde es gar nicht so schlimm wie erwartet. Der Richter half mir – sehr um Objektivität bemüht – dabei, die schwachen Belastungszeugen auseinander zu nehmen und nach einer halben Stunde verkündete er einen Freispruch. Auf meinen freundlich in den Saal geworfenen Abschiedsgruß – „Allerseits noch einen schönen Tag!“ – kam erwartungsgemäß keine Antwort, und wir verließen mit diesem schönen Siegesgefühl im Bauch das Gericht.

Am späten Nachmittag fragte mich meine Sekretärin Bettina, ob sie mir Richter Wickeldorn durchstellen könne und ich dachte: „Au weia! Jetzt gibt´s einen richtigen Anschiss.“ Es kam aber ganz anders. Herr Wickeldorn teilte mir anfänglich noch sehr förmlich mit, dass er meine Rechtsauffassung zur Krawattenfrage geprüft habe, und ich sei eindeutig im Recht. Er wolle sich für seinen Angriff entschuldigen, aber dennoch daraufhin weisen, dass ich mit meinem Gegenangriff vielleicht doch ein wenig über´s Ziel hinausgeschossen wäre. So sei er noch nie angegangen worden, und es habe ihm wehgetan. Und da er Recht hatte, entschuldigte ich mich nun meinerseits und sagte: „Ich weiß! Manchmal kann ich ein richtiger Arsch sein! Tut mir wirklich leid. Und wissen Sie was: Dass Sie mich nach alledem zurückrufen, zeigt menschliche Größe! Ich werde Buße tun. Sie werden künftig der einzige Richter in Deutschland sein, bei dem ich mit einer Krawatte auftauche. Aber nicht nur mit irgendeiner Krawatte, sondern mit einer richtig weißen.“ Harmonisch beendeten wir das Telefonat. Ich legte den Hörer auf und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. „Whow, was ist das für ein cooler Typ!“, dachte ich.

Wir haben danach noch einige Verhandlungen miteinander bestritten, und bestimmt war ich jedes Mal wieder einige Minuten zu spät dran. Aber das lag diesmal nicht an den fehlenden Parkplätzen, sondern daran, dass mir vor den Verhandlungen bei Herrn Wickeldorn im letzten Moment mein Versprechen wieder einfiel. Die Suche nach Krawatten in meinem Büro ist einfach zeitintensiv.

Rechtsanwalt Gerd Meister, Mönchengladbach


Ein Kommentar zu “Wenn´s mir an die Krawatte geht, kann ich ein richtiger Arsch sein!

  1. Sehr geehrter Herr Kollege,
    auch ich kann in der Krawattenfrage eine Begebenheit beisteuern.
    Vor etwa 2 Jahren hatte ich vor dem Familiensenat-also keine Strafsache – des OLG Rostock aufzutreten. Wegen Bauarbeiten war es so, dass wir im Festsaal verhandelten. Ich war zum 1. Mal in diesem Saal und blickte mich um und sagte: „Das ist aber prächtig hier!“ Daraufhin meinte der Beisitzer, der ansonsten als sehr besonnener Richter bekannt ist, offenbar im vorauseilenden Gehorsam für den neuen Vorsitzenden: „Es wäre schön, wenn sie denn auch eine richtige Krawatte tragen würden!“ Ich hatte eine Krawatte um, allerdings keine weiße. Daraufhin fragte ich, ob dem Senat meine Krawatte nicht gefallen würde. Diese wäre doch schön. Der Vorsitzende meinte, ich hätte eine weiße Krawatte zu tragen. Ich wies ihn darauf hin, dass dies nicht in der Romordnung vorgesehen sei. Daraufhin meinte er, dass ihre Gewohnheitsrecht. Ich musste ihm entgegnen, das Gewohnheitsrecht eine dreißigjährige Übung voraussetzt und bis 1992 in Rostock für die Anwälte nicht einmal üblich seine Robe zu tragen.
    Schließlich versucht dich einzulenken und sagte ihm, dass „Wenn es der Wahrheitsfindung dienen würde, um mit Fritz Teufel zu sprechen, so werde ich selbstverständlich eine weiße Krawatte tragen.“ Dann sah ich mir die Beisitzerin an und teilte mit: „Es ist nicht nur so, dass die Richter eine weiße Krawatte zu tragen haben oder eine weiße Fliege, sondern auch dass die Richterinnen eine weiße Schleife zu tragen haben und dies habe ich noch gar nicht gesehen beim Oberlandesgericht Rostock. Ich möchte zu Protokoll geben, dass die Richterinnen beim Oberlandesgericht Rostock regelmäßig oben ohne auftreten.“ Und setzte einen verschmitztes Lächeln auf. Der Vorsitzende und sein Beisitzer machten zunächst ein versteinerte Gesicht, aber die Beisitzerin konnte sich vor schmunzeln kaum halten. Dann meinte der Beisitzer: „Das nehmen wir dann besser nicht zu Protokoll. Es könnte falsch verstanden werden.“

    Die Verhandlung lief dann normal weiter. Beim nächsten Mal vor dem Senat hatte ich nicht nur das weiße Hemd an, dass ich fast immer vor Gericht trage, sondern nun auch eine weiße Krawatte.
    Als ich nun auf meinen Kollegen auf der Gegenseite guckte, stellte ich fest, dass dieser nicht nur ein buntes Hemd trug, sondern auch noch eine bunte Krawatte.
    Gleich zu Beginn sprach ich den Vorsitzenden an: „Sie sehen, ich bin heute mit einer weißen Krawatte erschienen. Der Kollege auf der Gegenseite hat nicht nur ein buntes Hemd, dazu noch eine bunte Krawatte. Dann müssen Sie mich wohl gewinnen lassen!“ Die Beisetzung schmunzelte Die Beisitzerin schmunzelte, die beiden Herren sagten nichts. Ich nickte dem Kollegen freundlich mit einem Lächeln zu. Der Vorsitzende ignorierte meine Bemerkung, sagte nur: „Schön dass Sie heute eine weiße Krawatte tragen. Lassen Sie uns anfangen.”

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