Mein Kollege und Freund Rainer Pohlen hat in seinem Artikel „Anwälte sollen rechtlich bedenkliche und überzogene Maßnahmen von Richtern einfach akzeptieren“ ausgeführt:
„Für mich ist das Nichttragen einer Krawatte seit mehr als einem Vierteljahrhundert zu einer Art Markenzeichen geworden.“
Ich kenne Rainer ungefähr seit diesem Vierteljahrhundert, und er ist nicht nur als Strafverteidiger, sondern überhaupt, ein fähiger Mann. Wie alle fähigen Menschen hat er auch seine Schwächen, die er ungerne offenlegt und – was menschlich ist – auch mal beschönigt. Und genauso verhält es sich mit dem zitierten Satz.
Klar, das Nichttragen des Kulturstricks ist zu seinem Markenzeichen geworden. Wie aber kam er dazu? Menschen, die ihn kennen, schätzen ihn wegen seines ausgeprägten analytischen Verstandes. Hatte er bei seiner Entscheidung für sein „Markenzeichen“ über den macho-psycho-historischen Hintergrund von Krawatten nachgedacht? War ihm vielleicht aufgefallen, dass es eine Korrelation zwischen männlicher Schwäche und Krawattenlänge und –breite gibt? Wollte er sich möglicherweise von den von ihm als spießig empfundenen Juristen, Versicherungsvertretern und Autohändlern abgrenzen, oder schnürten ihm die Langbinder bei seinen fantastischen und oft laaaaangen Plädoyers schlichtweg die notwendige Luft ab? Darüber mag manch einer spekuliert haben, ich aber kenne die Wahrheit.
Ich war damals sein Referendar, was kein Zuckerschlecken ist. Fragen Sie mal seine letzten Referendare. Er kann einem manchmal ganz schön auf den Nerv gehen, glauben Sie mir! Damals aber erwischte ich ihn in unserem alten Büro vor dem Spiegel. Er stand da und kämpfte mit einer Krawatte, die er sich unschön um den Hals geschlungen hatte. Der Krawattenknoten war eher zu einer Art Palstek verunglückt, der vielleicht ein Segelboot hätte zieren können, keinesfalls aber ausgehtauglich war. Schüchtern beobachtete ich von der Türe aus, wie er wütend mit dem Fuß aufstampfte und verzweifelt versuchte, den Knoten wieder zu lösen. Da bemerkte er mich. Verschämt zog er sich die Schlinge über den Kopf und warf den Strick in die Ecke. „So einen Scheiß ziehe ich nie wieder an!“, sagte er und verließ eilig das Büro.
Um ihm ein gutes Gefühl zu geben und nicht als Angeber dazustehen, verzichte ich seither ebenfalls auf die Krawatte, und so entstehen Legenden und Markenzeichen.
Als Jurist muss man vorausschauend denken, um seinem Kontrahenten gegebenenfalls die Luft aus den Segeln zu nehmen. Ich ahne bereits, auf welche meiner Schwächen Rainer in einer Replik hinweisen könnte.
Ich geb´s zu: Wenn ich Geschichten schreibe, nehme ich es mit der Wahrheit manchmal nicht so genau. Es war kein Palstek, sondern allenfalls ein misslungener Schotstek.


Das ist ja alles ganz nett, nur für einen Anwalt müssen statt solcher Mätzchen die Interessen des Mandanten im Vordergrund stehen. Und wenn es denen dient, dann haben wir – ob es uns nun passt oder nicht – einfach auch einen weissen Binder umzuzurren. Es ist doch abenteuerlich, einen Verfahrenszwischenfall wegen so einem Blödsinn zu riskieren. Schliesslich muss der Mandant es im Zweifel ausbaden. Selbstverständlich darf man sich gerade von einem Richter nicht alles bieten lassen, aber wenn das Ego an der Krawatte hängt, kann es mit dem Rest auch nicht weit her sein.
Sie haben Recht, Herr Neumann, die Interessen des Mandanten sollten im Vordergrund stehen. Die wenigen Richter, die wegen eines Fetzens Stoff um den Hals die Prozessatmosphäre riskieren, sind nach meiner Erfahrung in der Regel auch ansonsten nicht die Besonnenen. Dann lohnt es oft auch für den Mandanten, in den Streit zu gehen. Ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass sich das letztlich zu dessen Nachteil ausgewirkt hat. Im Gegenteil: Wenn der Streit erst mal ausgestanden war, hatten gerade diese Richter oft ein Bedürfnis zu beweisen, dass sie trotz des Disputs mit dem Verteidiger dem Angeklagten gegenüber objektiv sind. Erst recht, wenn ich zuvor im Plädoyer unterstellt habe, dass das Gericht nicht mehr zu einem fairen Urteil in der Lage sei. Das hat bisweilen zu Strafaussprüchen geführt, die ich in dieser Milde ohne den Konflikt gar nicht erreicht hätte. Im Übrigen hägt mein Ego gerade nicht an der Krawatte, das dürfte wohl eher auf der anderen Seite der Fall sein. Wenn wir heute keine Perücken mehr tragen müssen, dann vielleicht auch, weil das mal von couragierten Menschen in Frage gestellt worden ist. Seien Sie im Übrigen unbesorgt: Der Rest, von dem Sie reden, ist schon in Ordnung. Die mit Abstand meisten Richter und Staatsanwälte wissen sehr wohl zwischen banalen Äußerlichkeiten und fachlicher und menschlicher Kompetenz zu unterscheiden. Das wird mir immer wieder bestätigt und gibt ein gutes Gefühl.
Also, den Alfred E. Neumann, den ich kenne, hat eindeutig mehr Humor! Aber vielleicht sehen Sie ja viel lustiger aus, als der aus dem Mad Magazin. Ja, bestimmt sogar! Lassen Sie mich raten: Sie tragen Monokel, ein schickes Jägerhüttchen und so eine angepasste Burschenschaftsschärpe und fühlen sich irgendwie im 18. Jahrhundert so richtig zu Hause, und wenn so eine richtige Autorität an Ihnen vorbei läuft zuckt es in Ihrem Bein, und im letzten Moment schlagen Sie dann doch nicht die Hacken zusammen, weil das könnte ja auffallen – im 21. Jahrhundert. Wenn ich´s mir genau überlege, passen Sie irgendwie doch ins besagte Magazin. Und so tragen Sie dann doch zur Humorbildung bei. Gott sei Dank. Für einen Augenblick hatte ich schon gedacht, Sie seien eine richtige Spaßbremse.