Beltracchi und der Kunstfälscher-Skandal: Kunstauktionshaus Lempertz muss mehr als 2 Millionen Euro Schadensersatz zahlen

Es hätte ein wirklich aufregendes Verfahren werden können und war dann doch schon nach wenigen Verhandlungstagen und ohne Zeugenvernehmungen zu Ende: Im Frühjahr war ich als Verteidiger in Deutschlands bislang wohl spektakulärstem Kunstfälscherprozess um die Eheleute Wolfgang und Helene Beltracchi und um meinen Mandanten Otto S. tätig, das mit Freiheitsstrafen von 4, 5 und 6 Jahren für die 3 Hauptangeklagten endete. Das war ein mehr als respektables Ergebnis, wenn man den Umfang der Vorwürfe und die Höhe des Schadens bedenkt, der durch die zahlreichen Neuschaffungen von nie gemalten Werken von Künstlern wie Campendonk, Pechstein, Max Ernst, Marcoussis, Derain und andere entstanden ist.

Ausgangspunkt der Ermittlungen war der Rekordzuschlag eines angeblichen Gemäldes von Heinrich Campendonk mit dem Titel “Rotes Bild mit Pferden” gewesen, dass in der Herbstauktion 2006 des Kölner Kunstauktionshauses einen Rekordzuschlag von immerhin 2,88 Millionen Euro einschließlich Provisionen und Galerieaufgelder erzielt hatte. Als anonyme Bieterin hatte ein auf Malta ansässiges Unternehmen, das sich in russischer Hand befindet, den Zuschlag erhalten. Dieses wiederum wollte das Bild über eine auf solche Transporte spezialisierte Spedition in den Freihafen nach Genf verbringen lassen, und dazu war eine Transportversicherung erforderlich. Die Spedition wies darauf hin, dass sich das Bild ohne Echtheitsnachweis wohl nicht versichern lasse. Es bestehe aber ein Anspruch gegen den Auktionator auf Nachweis der Echtheit durch Einholung einer Expertise. Darauf angesprochen, beauftragte Lempertz die ausgewiesene Campendonk-Expertin Dr. Firmenich mit der Erstellung eines Gutachtens, welches die Echtheit unter anderem aufgrund kunsthistorischer und stilkritischer Betrachtung und im Hinblick auf vorliegende Provenienznachweise bejahte,  der Vollständigkeit halber auf eine noch einzuholende Farbpigmentanalyse verwies. Und die erbrachte dann, das in dem Bild Farben verarbeitet worden waren, die es im angeblichen Entstehungsjahr 1914 noch nicht gab. In der Folgezeit stellte sich dann heraus, dass auch die Galerieaufkleber, die sich auf der Rückseite des Werkes befanden, gefälscht waren. Über diese Aufkleber wurden bislang mindestens  56 Falsifikate entlarvt, die zu Millionenwerten in vielen renommierten Galerien und Kunstsammlungen auf der ganzen Welt ausgestellt waren.

Der Inhaber des Kunstauktionshauses, Prof. Hanstein, gegen den ebenfalls Ermittlungen wegen des Verdachts desBetruges eingeleitet worden waren, war von der maltesischen Erwerberin des Kunstwerkes auf Rückabwicklung des Versteigerungsgeschäfts verklagt worden. Hanstein hatte seinerzeit zwar seine Provision nebst Galerieaufgeld in Höhen von ca. 880.000 Euro erstattet, eine darüber hinausgehende Verpflichtung zur Erstattung des Kaufpreises aber abgelehnt. Er sei selbst von der Einlieferin des Bildes, einer Verwandten der Eheleute Beltracchi, über die Echtheit des Gemäldes getäuscht worden.

Das hat das Landgericht Köln jetzt anders gesehen. Eine Zivilkammer des Gerichts verurteilte das Kunstauktionshaus jetzt zur  Zahlung von weiteren gut 2 Millionen Euro.  Dieses habe – selbst bei unterstellter Gutgläubigkeit – eine vorvertragliche Pflichtverletzung begangen, indem es die Zuschreibung des Bildes zu Campendonk im Auktionskatalog ohne hinreichende Grundlage vorgenommen habe. Hierfür wäre eine vorherige naturwissenschaftliche Begutachtung erforderlich gewesen. Zu berücksichtigen sei insoweit, dass bei Einlieferung des Gemäldes, das angeblich jahrzehntelang verschollen war, keine bekannte Ablichtung vorhanden gewesen war. Lediglich der Titel war einmal in einem alten Ausstellungskatalog aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erwähnt worden. Die vorbehaltlose Zuschreibung des Bildes zu Campendonk hätte bei dieser Sachlage nicht allein auf Signatur, Angaben der Einlieferin und kunsthistorische und stilkritische Prüfungen gestützt werden dürfen. Zumindest hätte Prof. Hanstein darauf hinweisen müssen, dass die Echtheitsannahme nur auf diese Gesichtspunkte gestützt werde.

Jetzt wird abzuwarten bleiben, ob das Kunstauktionshaus Berufung zum OLG Köln einlegt.

 

 


2 Kommentare zu “Beltracchi und der Kunstfälscher-Skandal: Kunstauktionshaus Lempertz muss mehr als 2 Millionen Euro Schadensersatz zahlen

  1. Merkwürdig dass sich der Verteidiger des Gauners Otto Schulte Kellinghausen so zu Wort meldet.Es gibt schon zu viele,die sich an dem Beltracchi Fall delektieren.Sein Mandant hat Werner Spies und Burkhard Leismann seit Jahren gekannt und betrogen.Der Auktionator war ahnungslos,verlies sich auf das Urteil des besten Campendonk Kenners,Herrn Heribert Campendonk.Die umstrittenen WVZ Bearbeiterin Andrea Firmenich hat das Bild eben auf Basis eines Dörner Gutachtens ausführlich bestätigt wie auch eine vom Gericht eingesetzte Museumskuratorin.Das hätte RA Pohlen korrekt darstellen müssen.

    • Nur ein paar Anmerkungen, Herr Ehni: Dass Sie meinen Mandanten als Gauner bezeichnen, kann ich in Anbetracht der erfolgten Verurteilung ja menschlich nachvollziehen, auch wenn es nicht Ihr Vermögen getroffen hat. Mit dem Campendonk-Fall um die Galerie Lempertz hatte er allerdings nichts zu tun und ist insoweit auch nicht verurteilt worden. Tatsache ist aber, dass das vermeintliche Campendonk-Werk “Rotes Bild mit Pferden” vom Kunstauktionshaus Lempertz ohne vorherige Echtheitsexpertise in die Herbstausstellung 2006 aufgenommen und als “Filetstück” der Ausstellung auch auf dem Katalogumschlag abgebildet war. Das Gutachten Firmenich wurde erst eingeholt, nachdem der Zuschlag erfolgt war und die Käuferin eine Expertise verlangte. Frau Dr. Firmenich hat ihr Gutachten, mit dem sie zunächst die Echtheit bestätigte, nicht auf Basis eines Dörner-Gutachten erstattet, sondern sich im Wesentlichen auf kunsthistorische und stilkritische Betrachtungen und auf Provenienzangaben beschränkt. Nachdem Dörner danach in dem Bild eine Farbe “Titanweiss Rutil” entdeckt hatte, die es zum angeblichen Entstehungszeitpunkt noch nicht gab, hat Frau Dr. Firmenich dies damit zu erklären versucht, dass möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt Restaurierungsarbeiten erfolgt seien, bei denen diese Farbe zum Einsatz kam. Ein daraufhin von der Käuferin in Auftrag gegebenes weiteres Gutachten hat dann klargestellt, dass die fragliche Farbe flächendeckend in der Grundierung des Bildes vorhanden ist. Außerdem wurde noch ein weiterer nicht authentischer Farbton gefunden. Das zivilrechtliche Urteil des Landgerichts Köln gründet sich, soweit ich die Pressemitteilung richtig verstanden habe, darauf, dass im Katalog gerade nicht daraufhin gewiesen wurde, dass die Echtheit nicht durch ein umfassenden Gutachten geprüft wurde. Etwas anderes habe ich nicht berichtet, und ich weiß nicht, was daran “merkwürdig” ist, dass ich mich zu dem Urteil zu Wort gemeldet habe.

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