Traurige Weihnachtsgrüße aus dem Knast

Gefängniszelle in Alcatraz, Foto: Mikano

Derzeit habe ich (nur) etwa ein halbes Dutzend Mandanten, die irgendwo in Deutschland im Gefängnis sitzen und die Weihnachtstage dort verbringen müssen. Einer von ihnen rief mich gestern an. Der Mann sitzt eine lebenslange Freiheitsstrafe ab, das ist jetzt sein 12. Weihnachten im Knast. Zwischendurch waren mal 8 Jahre Pause, da war er auf Flucht, aber dann hat er sich gestellt, um die Sache hinter sich zu bringen und irgendwann mal wieder eine Zukunft ohne Angst vor Entdeckung zu haben. Und um sein Kind ohne die Sorge, plötzlich aus dem Familienbund herausgerissen zu werden, aufwachsen sehen zu können, mit anerkannter Vaterschaft und als wirklich freier Mensch. Der Preis hierfür ist hoch, denn Mutter und Kind leben im Ausland und können nur ganz selten  nach Deutschland kommen. Da braucht man viel Geduld und einen langen Atem.

Die Tat ist mehr als 20 Jahre her, irgendwie schon nicht mehr wahr, aber die Schatten der Vergangenheit sind lang. Manchmal überlang …

Der Mensch, der die Tat begangen hat, war in gewisser Weise ein anderer als derjenige, der heute in Haft sitzt, damals fast noch ein Junge, unreif, verzweifelt, von den Ansprüchen, die man an ihn stellte, völlig überfordert. Da mussten schon einige ungünstige Dinge zusammenkommen, wir Juristen sprechen von tatkonstellativen Faktoren, damit das Unfassbare geschehen konnte, aber am Ende war ein Mensch tot und ein anderer schwer verletzt. Mein Mandant – nennen wir ihn Georg – aber lebte, obwohl er vielleicht auch lieber tot gewesen wäre, und schließlich verurteilte ihn ein Schwurgericht wegen Mordes zu “lebenslänglich”, nur mit Mühe konnte die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld letztendlich vermieden werden. Georg meint, dass das Gericht und auch der Gutachter das Tatgeschehen und die Vorgeschichte wohl nicht zutreffend erkannt hätten, vielleicht habe das auch an seinem damaligen Anwalt gelegen, der schon vor Jahren verstorben ist. Er selbst sei seinerzeit überhaupt nicht in der Lage gewesen, mit der Situation umzugehen und sich sachgerecht zu artikulieren.

Georg ist ein intelligenter Mann mit wachen Augen und guter Bildung. Seit ich ihn kenne, ist er sanfter geworden, er hat gelernt, sich zu gedulden, er weiß, dass er auf den “good will” anderer Menschen, die über ihn und die Ausgestaltung seiner verbleibenden Haftzeit entscheiden, angewiesen ist. Derzeit stehen Vollzugslockerungen an, seit Wochen liegt ein überaus positives Prognosegutachten vor, aber man lässt sich Zeit. Zu viel Zeit, wie ich finde. Es wird wohl Februar oder März werden, bis tatsächlich Lockerungen gewährt werden, vielleicht kann er ab Mitte 2013 oder sogar schon etwas früher in den offenen Vollzug. Zu gönnen wäre es ihm, weil er ein feiner Kerl mit sozialem Verantwortungsbewusstsein ist, da bin ich mir sicher, trotz der Tat, die der andere, der junge Georg, vor zwei Jahrzehnten begangen hat. Es gibt ja Menschen, die meinen, dass jeder von uns zum Mörder werden könnte, wenn genügend tatauslösende Momente zusammenkommen…

Er wolle mir und meiner Familie frohe Weihnachten wünschen, meinte Georg gestern zu mir, es sei schade, dass ich es nicht mehr geschafft hätte, ihn noch vorher zu besuchen, aber er wisse ja von meinem dichten Terminkalender. Vielleicht klappe es ja zum Anfang des neuen Jahres, das hoffentlich ein gutes für uns alle werde. Ja, hoffentlich, das wünsche ich mir und Georg auch.

Am Wochenende hatte mich noch die Ehefrau eines anderen Mandanten angerufen, der in Süddeutschland in Untersuchungshaft sitzt. Die beiden haben vier Kinder zusammen, die in den Kindergarten und zur Schule gehen und die ihren Papa vermissen und ihn zu Weihnachten gerne zuhause hätten. Der Haftgrund der Fluchtgefahr ist aus meiner Sicht aberwitzig, aber die bayerische Justiz sieht das anders. Verdammt anders, da hilft auch Weihnachten nicht. Der Mann, der mehr als 20 Jahre in Deutschland lebt, habe einen Migrationshintergrund und könnte sich mitsamt seiner sechsköpfigen Familie ins Ausland absetzen, heißt es reichlich lapidar im Haftbefehl. Dass seine Eltern und der größte Teil seiner Verwandtschaft ebenfalls in Deutschland leben, scheint keine Rolle zu spielen.

Die Frau klang ziemlich verzweifelt, wie sie mir die Not ihrer Kinder und ihre eigene schilderte. Wann denn mit einer Haftentlassung zu rechnen sei, wollte sie wissen, und ich konnte ihr keine wirklich tröstende Antwort geben.

Wir feiern jetzt Weihnachten, schöne Tage sollen´s werden, aber manchmal denke ich doch an die, denen es nicht ganz so gut geht wie uns. So ist das eben …

 


Ein Kommentar zu “Traurige Weihnachtsgrüße aus dem Knast

  1. Da kommen einem ja die Tränen. Die sollen schön bleiben, wo sie sind. Schlimm genug, dass “lebenslänglich” eben nicht lebenslänglich ist. Aber dass dann der Täter bemitleidet wird (der da ist, wo er hingehört) und die Opfer anscheinend völlig egal sind, ist einfach traurig.

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