Gib mir mein Schäufelchen zurück, oder ich mach dich kalt!

Zunächst einmal die gute Nachricht: Das Gewehr war nicht gestohlen oder heimlich aus dem Waffenschrank des Vaters entliehen. Nein, es war sein eigenes Kinder-Gewehr, mit dem ein 5-jähriger nach Angaben der NZZ-Online am vergangenen Dienstag in Kentucky seine 2-jährige Schwester erschoss. Ich habe selbst zwei „kleinere“ Schwestern, und der Junge wird seine Gründe gehabt haben. Auf der anderen Seite, wohin soll das führen, wenn bereits kleine Kinder mit scharfen Waffen hantieren?

Der Waffenhersteller Keystone wirbt für sein lustiges Kindergewehr „Cricket“ (Grille) mit dem Slogan „Qualitätswaffen für Amerikas Jugend“ und hat dazu eine eigene Theorie: Die Kindergewehre sollen die Kleinen zum verantwortungsvollen Umgang mit Waffen animieren. Es geht also um Pädagogik, und in der Pädagogik – wer wüsste das nicht – kann auch schon mal was schieflaufen. So z.B. als vor drei Wochen zwei Kleinkinder kurz hintereinander etwas übereifrig zwei Personen töteten. In New Jersey erschoss ein Vierjähriger mit einem Gewehr einen Sechsjährigen. In Tennessee tötete ein ebenfalls Vierjähriger mit einer Pistole eine 48-Jährige. Nun ja, man kann Keystone nur Recht geben. Der verantwortungsvolle Umgang mit Waffen muss halt geübt werden – je früher, desto besser!

Wenn nach amerikanischer Auffassung eine Entwaffnung der Kleinen indiskutabel ist, bleibt aus pädagogischen Gründen und zum Selbstschutz wohl nur die häusliche Aufrüstung, und ich kann es mir vorstellen:

Vater, Mutter und die lieben Kleinen – ein dicker 5-jähriger, der über alles Cheeseburger liebt, und das kleine Schwesterchen mit schon 8 Milchzähnen und einem dürren blonden Zopf – sitzen am Frühstückstisch. Jeder hat eine Schüssel Cornflakes und ein Glas Orangensaft vor sich. Die Eltern natürlich größere Schüsseln, und neben allen Schüsseln und Schüsselchen liegen griffbereit die geladenen Knarren. Größere für die Eltern und kleine, niedliche für die Kinder. Eine rosa Pistole für das Mädchen und eine mit Hero-Man-Abbildung versehene für den Jungen, alle geladen mit 5,6 mm – Patronen, wie sie der 5-jährige aus dem zitierten NZZ-Bericht benutzt hatte, um seine Schwester zu töten. Kein böses Wort fällt am Frühstückstisch, aber ein kleiner Konflikt bahnt sich an, als das Mädchen schon wieder ihr volles Glas versehentlich umkippt und der gelbe Saft langsam und unaufhaltsam über den polierten Tisch fließt, an der Cornflakespackung vorbei in Richtung des dicken Bruders, der dem kleinen Tisch-Fluss mit gerunzelter Stirn und trotzigen Augen entgegenblickt – wie er langsam auf ihn zukriecht und die ersten Tropfen des klebrigen Safts über die Tischkante fallen – auf seine neue, frische Lieblingsjeans.

Im Hintergrund tickt laut die uralte Wanduhr, ein Erbstück aus längst vergangenen Tagen, während nun alle Familienmitglieder dem Rinnsal gespannt mit den Augen folgen. Nahezu zeitgleich werden die bunten Plastiklöffel ohne das leiseste Klacken beiseite gelegt, und die jeweils rechten Hände der Protagonisten bewegen sich mit der Geschwindigkeit des saftigen Rinnsals vorsichtig zu ihren entsicherten Pistolen. Wie es der Zufall will, erklingt leise ein altbekanntes Stück von Ennio Morricone aus dem Radio, als der Junge endlich aufspringt, aber es ist kein richtiges Springen, mehr so ein Hochwabbeln eines kleinen Zwergnilpferdes, das sich aus trübem Wasser erhebt. Jedenfalls zu langsam. Als er von seiner durchnässten Jeans wütend hochschaut, blickt er in die Mündung dreier Waffen und hebt vorsichtig seine dicken Ärmchen. Es ist vorbei, und die Mutter rettet die Situation, indem sie entschlossenen Schrittes auf ihren Sohn zugeht, vor ihm niederkniet und das bereits in den Stoff eingezogene Nass wenigstens symbolisch mit einer Serviette von seiner Hose tupft. Dann nimmt sie ihn tröstend in den Arm und zaubert mit einer geflüsterten Bemerkung ein alles vergessendes Lächeln in das Gesicht ihres Sprösslings: „Mein armer Schatz, das trocknet in wenigen Minuten, und weil du so tapfer warst, bekommst du gleich 5 Extra-Dollar für 5 Extra-Cheeseburger. Aber verrate es nicht deiner dusseligen Schwester!“ Dabei schaut sie ihn liebevoll an und zwinkert ihm mütterlich zu, während der Vater zwischenzeitlich der kleinen Schwester spielerisch die pinke Pistole entwindet und dabei sagt: „Liebling, für heute hast du schon genug Saft verschüttet, findest du nicht?“

Rechtsanwalt Gerd Meister, Mönchengladbach

 

 

 


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