Praktikanten, Teil 1

Wie in anderen Unternehmen beschäftigen wir in unserer Kanzlei seit jeher Praktikanten. Sie sind willig und billig. Man kann sie rumscheuchen und drangsalieren, seine schlechte Laune an ihnen auslassen und sie vor Publikum erniedrigen. Sie müssen schwere Kisten mit Akten schleppen, sortieren, kopieren und natürlich Kaffee kochen. Die Schlaueren lassen wir juristische Gutachten fertigen bis ihnen die Fingerspitzen vom Tippen bluten und ihnen nach 12 Stunden Arbeit das Köpfchen raucht. Wenn ich gute Laune habe, bekommen sie dafür Pflaster für die Finger und einen Klaps auf die Schulter, und ich verkauf die Gutachten für einen ordentlichen Preis. Bei Bedarf kann man die Praktikanten auch mal für private Zwecke abziehen. Dann graben sie bei mir die Beete um oder putzen mein Auto von außen und innen und wehe, ich finde da auch nur den kleinsten Krümel unter irgendeiner Fußmatte. Wenn sie aufmüpfig werden oder die Schinderei nicht mehr aushalten, fliegen sie mit einem miserablen Zeugnis in hohem Bogen einfach raus. Selbst schuld, wenn die jungen Leute heute den Anforderungen der modernen Arbeitswelt nicht gerecht werden. Wir sind ja schließlich nicht die Caritas, oder?!

Alleine wegen dem Spaß an den zu erwartenden Blogkommentaren würde ich das jetzt gerne so stehen lassen! Aber nein, zu früh gefreut. Leider ist es bei uns ganz anders. (Okay, für das „leider“ gibt´s bestimmt Prügel.)

Im Ernst: Wir beschäftigen gar keine Praktikanten. Die Praktikanten beschäftigen uns.

Es gibt Schulpraktikanten aus der 9. oder 10. Klasse, die mal für 14 Tage in die Bürowelt der Anwaltsfachangestellten reinschnuppern wollen. Natürlich nehmen die Anwälte sie mal mit zu einem Gerichtstermin oder in den Knast, aber die meiste Zeit gehen sie den Sekretärinnen im Büro zur Hand, die ihre Betreuung in der Regel mit viel Engagement und nicht immer mit Freude übernehmen. Ein Beispiel anhand eines Dialogs zwischen einer Sekretärin und einer 15-jährigen Praktikantin:

„Mal sehen, was wir dir jetzt für eine Aufgabe für dich finden.“

„Oh ja, ich fang schon an mich zu langweilen. Heute ist aber auch gar kein Anwalt da, der mich mal irgendwohin mitnehmen könnte.“

„Ich hab da was Schönes für dich! Siehst du die Aktenberge da auf dem Boden. Die müssen alle in die Aktenschränke sortiert werden. Das Alphabet kannst du doch, oder?“

Die Praktikantin schaute gespielt empört. „Ich bin 15 und gehe in die 9. Klasse.“

„Okay, dann mal ran. Ich bin vorne in der Buchhaltung. Wenn du fertig bist, meldest du dich. Kannst dir ruhig das Radio anmachen. Dann geht die Arbeit leichter von der Hand.“

Nach 3 Stunden kam die Sekretärin zurück ins Aktenzimmer. Die Aktenberge waren weg. Sie schaute der fleißigen Praktikantin wohlwollend über die Schulter, als diese die letzten beiden Akten einsortierte und dabei leise vor sich hinsprach:

„Jürgen Oskamp … wo haben wir den das blöde „J“.“ Sie lächelt die Sekretärin stolz an. „Fast fertig! Muss nur noch den Jürgen und den Paul einsortieren.“

Die Gesichtsfarbe der Sekretärin wechselte von Granny-Smith- Grün in Braeburn-Rot, und das nicht, weil sie so gerne Äpfel isst.

„Oh Gott, was hast du gemacht. Sag, dass das ein Scherz war! Nein, ich seh´s dir an. Das war kein Scherz.“

Die Praktikantin war zunächst deutlich verunsichert, dann verstört, dann sauer. So dankte man ihr also ihr Engagement!

„Ich habe sie ALLE alphabetisch einsortiert, wie Sie es mir gesagt haben!!!“, und damit hatte sie vollkommen Recht.

„Man sortiert nach Nachnamen!“, erwiderte die Sekretärin gefährlich leise und kaute dabei immer noch fassungslos auf ihrer Unterlippe herum.

„Warum?“, fragte die Praktikantin, zückte dabei ihr Handy und öffnete demonstrativ ihr Adressbuch. „Sehen Sie, alle meine Freunde und Schulkameraden … „A“ wie Anna, „B“ wie Berta … und hier unten „W“ für …“

„JA! W für Würgen!“, unterbrach sie die Sekretärin, die im Geiste durchging, wie lange es dauern könnte, bis sämtliche Aktenschränke kontrolliert und neu sortiert sein würden. Vielleicht dämmerte es ihr zu diesem Zeitpunkt bereits, dass 15-jährige Schüler nicht ohne Weiteres wissen können, worauf es den Büroprofis ankommt und dass man sich manchmal etwas mehr und genauer erklären muss. Einen Vorwurf wird man ihr daraus nicht machen können, denn im Alltagsstress fehlt es eben oft an der Zeit sich zurückzuerinnern, wie man selbst mit 15 war. Es fällt überhaupt schwer, sich zurückzubesinnen. Aber man sollte es immer wieder versuchen, es sei denn, man sortiert z.B. gerne Aktenschränke neu.

Wir Anwälte haben es mehr mit den Jurapraktikanten zu tun, die so zwischen dem 2. und 5. Semestern ihr Pflichtpraktikum bei uns machen. Sie sind dann zwischen 20 und 25 Jahren alt und mehr oder weniger motiviert. Manchmal weniger, weil das Pflichtpraktikum zwar gemacht werden muss, aber im Examen nur die Teilnahmebescheinigung zählt. Es gibt eben – wie immer – solche und solche. Und auch da könnte ich Ihnen was  erzählen. Von meinem letzten Jurapraktikanten Christoph z.B. erzähl ich Ihnen aber erst, wenn er mir seinen versprochenen Aufsatz zum Ausnutzungsbewusstsein bei dem Mordmerkmal der Heimtücke zugemailt hat, und sollte er es wider Erwarten nicht tun, hat er hier ja schon einmal einen Vorgeschmack, wie man über Praktikanten schreiben kann. Nein, Christoph, das ist jetzt keine Nötigung im strafrechtlichen Sinne.

Rechtsanwalt Gerd Meister, Mönchengladbach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


3 Kommentare zu “Praktikanten, Teil 1

  1. Entschuldigen sie bitte Herr Meister, aber wenn ihre Fachangestellte nicht die Zeit hat dem Schülerpraktikanten ein paar Sekunden über die Schulter zu schauen sollten sie vielleicht darauf verzichten welche zu beschäftigen. Durch diese paar Sekunden aufpassen was er macht hätte sie sich wohl einige Stunden arbeit ersparen können.

  2. Lieber Gerd,

    sehr belustigt habe ich Deinen Beitrag gelesen. Zum Glück wusste ich recht schnell, dass die erste Schilderung nicht wirklich ernst gemeint sein konnte, da ich bei Euch ganz andere Erfahrungen machen durfte.
    An die Ablage und das Einsortieren bzw. Heraussuchen von Akten kann ich mich noch sehr gut erinnern – aber auch an die hervorragende Hilfe, die mir dabei zustand.
    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein Praktikum bei Euch eine wunderbare Zeit ist, die für mich nichts mit einer Pflicht zu tun hatte. Ich hätte die Zeit auch gerne verdoppelt, weil ich viel gelernt hatte und mir jeden Tag auf’s Neue bewusste wurde, wieso ich mich für diesen Studiengang und diesen Berufswunsch entschieden habe.
    Noch heute erzähle ich voller Begeisterung von diesem Praktikum und oft sind meine Kommilitonen eifersüchtig, da diese nicht so ein schönes Praktikum hatten ;-)

    Ich freue mich auf den zweiten Teil!
    Fühlt Euch lieb gegrüßt,

    Yvonne W.

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