Strafbar oder nicht? Die Wegnahme von Zahngold aus der Asche der Verstorbenen im Krematorium

Foto (5)Insgesamt 31,7 Kilo Zahngold soll ein inzwischen entlassener Mitarbeiter eines Hamburger Krematoriums im Laufe der Jahre aus der Asche Verstorbener entwendet und damit einen Reibach in Höhe von mehr als 250.000 Euro erwirtschaftet haben. Wie lto.de berichtet, hat sich jetzt das Bundesarbeitsgericht mit der Frage befasst, wer Eigentümer des Zahngoldes ist und wer sich dieses aneignen darf.

Herrenlos und damit eigentumsfrei sei das Zahngold, meinen die höchsten deutschen Arbeitsrichter, weil dieses bis zur Verbrennung zum Körper des Toten gehöre, an dem  niemand Eigentum haben könne. Allerdings bestehe  nach der Einlieferung einer Leiche ins Krematorium ein Verwahrungsverhältnis mit dem  Krematoriumbetreiber, und dieses setze sich nach der Einäscherung an den Verbrennungsrückständen bzw. an übrig gebliebenem Schmuck, Titanprothesen oder Zahngold fort. In erster Linie, so die Richter, hätten die Erben des Verstorbenen ein Aneignungsrecht an den Überbleibseln, in zweiter Linie der Krematoriumbetreiber. Das war in diesem Fall eine von der Stadt Hamburg unterhaltene Betreibergesellschaft.

Die Betreibergesellschaft hatte den früheren Mitarbeiter auf 250.000 Euro Schadensersatz verklagt. Das erstinstanzlich entscheidende Arbeitsgericht hatte die Klage mit der Begründung abgewiesen, die Krematoriumbetreiberin sei nicht Eigentümerin des Zahngoldes geworden und habe daher keinen Bereicherungs- oder sonstigen Zahlungsanspruch. Das Landesarbeitsgericht sah das anders und meinte, die Betreibergesellschaft habe jedenfalls ein Aneignungsrecht gehabt und der MItarbeiter, der im Interesse seiner Arbeitgeberin tätig sei und von dieser bezahlt werde, müsse das herausgeben, was er – abgesehen von seinem Lohn – durch die Tätigkeit erlange. Wenn das – wie im vorliegenden Fall – nicht mehr vorhanden sei, müsse Wertersatz geleistet werden.

Dem hat sich das Bundesarbeitsgericht im Revisionsverfahren angeschlossen. Es hat die Sache an das Landesarbeitsgericht zurückverwiesen, weil geklärt werden müsse, ob die Ersatzansprüche der Stadt Hamburg selbst oder ihrer Betreibergesellschaft zustehe. Außerdem stehe die genaue Schadenhöhe noch nicht fest.

Strafrechtlich dürfte dem entlassenen Mitarbeiter wohl allenfalls eine Steuerhinterziehung zur Last zu legen sein. Diebstahl und Unterschlagung an herrenlosen Sachen sind nicht möglich, und für eine Untreue dürfte es wohl an der erforderlichen Vermögensbetreuungspflicht fehlen.

Bislang soll es nach dem Bericht angeblich so gewesen sein, dass die Krematorien laut Arbeitsanweisung die wertvollen Überbleibsel gesammelt und den Erlös zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder als Spende an soziale Einrichtungen eingesetzt hätten. Die Angehörigen oder Erben seien nicht unterrichtet worden, um ihnen nicht die schwierige Entscheidung zuzumuten, ob sie die Herausgabe verlangen oder mit einer anderweitigen Verwertung einverstanden sind. Das klingt ziemlich merkwürdig, finde ich. Frei nach dem Motto: Da ich nicht weiß, ob sie die Werte für sich beanspruchen würden, frage ich lieber nicht.

Immerhin will der Bundesverband der Bestattungsunternehmen jetzt für mehr Transparenz sorgen. Angehörige sollen zukünftig schriftlich erklären können, ob sie die Herausgabe verlangen oder ob die Metalle gespendet werden dürfen.

 


2 Kommentare zu “Strafbar oder nicht? Die Wegnahme von Zahngold aus der Asche der Verstorbenen im Krematorium

  1. Dürfte ich Ihnen die Entscheidung 1 St OLG Ss 163/09 des OLG Nürnberg ans Herz legen? Laut Auffassung des Senats ist u.U. der Tatbestand des Verwahrungsbruchs erfüllt.

  2. 250.000 € in 3 Jahren!?
    Irgendwie erscheint mir das sehr hoch! Und wenn, dann sicher nicht überwiegend aus Zahnersatz, denn, “Zahngold”, also hochgoldhaltige Legierungen werden seit Jahren in abnehmendem Maße verwendet, höchstens noch für Goldinlays! Weit überwiegend werden heute – unter anderem aus Materialkostengründen – sogenannte NEM-Legierungen (Nicht-Edelmetalll-Legierungen) verwendet!
    Was bitte sind Titanprothesen? Teilprothesen aus Titan? Möglich, aber unwahrscheinlich, denn Titan ist sehr schwer zu verarbeiten und das ist es was die Kosten ausmacht. Der Materialwert ist gering!
    Oder sind übliche Modellgußprothesen gemeint? Die sind normalerweise aus einer Chrom-Kobalt-Molybdän-Legierung (nix Stahl; selbst V2A-Stahl ist nicht mundbeständig) und Materialwert gering!
    Für Implantate und die Abutments, die tatsächlich normalerweise aus Titan bestehen, gilt der Materialwert wie bei “Titan”-/Modellgußprothesen”! (Was ist eigentlich mit Hüftgelenksprothesen? Die sind auch aus Titan und viel zu groß für eine Urne?)
    Allerdings ist zu berücksichtigen, daß der überwiegende Teil der Einzuäschernden wahrscheinlich eher zur Generation >60 gehört und diese evtl. festsitzenden Zahnersatz (Kronen u. Brücken) erhielten als die Legierungen noch wesentlich edelmetallhaltiger waren!
    Trotzdem erscheinen mir 250.000 zu hoch – zumindest aus Zahnersatz!
    Man mache einmal das Experiment und schicke z.B. extrahierte Zähne mit Kronen an eine der diversen Firmen die den Ankauf solcher Materialien anbieten! Man wird enttäuscht sein was dabei rumkommt!

    Viel bemerkenswerter finde ich eigentlich das Verhalten des Krematoriumsbetreibers!
    Nach meinem Verständnis waren sowohl Zahnersatz, als auch Schmuck Eigentum der Verstorbenen und gehören nach dessen Tod (zumindest wenn inkorporierte Gegenstände durch die Einäscherung “frei” werden) zum Erbe, und somit in die Verfügungsgewalt der Erben!
    Gleichgültig ob wertvoll oder nicht, wenn der Krematoriumsbetreiber die Hinterbliebenen nicht einmal über diese “Erbstücke” aufklärt und sie einfach für sich behält – egal ob er damit die Einäscherungskosten “subventioniert”, den Erlös auf sein Konto packt oder für gemeinnützige Dinge spendet – ist das in meinen Augen Diebstahl und erinnert mich an eine unselige Praxis in bestimmten Lagern einer vergangenen deutschen Diktatur!

    Das scheint übliche Praxis zu sein! Es gab vor einiger Zeit schon einmal eine kurze Medienwelle zu diesem Thema und aus persönlicher Erfahrung ist es mir ebenfalls bekannt! Mein Vater wurde auch eingeäschert und da weiß ich definitiv, daß er hochgoldhaltige(!) Kronen hatte – habe sie selbst angefertigt – und auch da kam weder von Seiten des Bestatters, noch von Seiten des Krematoriums irgendeine Information diesbezüglich! Wir haben auf Nachfragen verzichtet, da 1. der Wert zu gering erschien für einen “Aufstand”, und 2. weil wir noch viel zu sehr vom Verlust meines Vaters erschüttert waren!

    Letzteres, nämlich das emotionale Trauma des Verlustes eines geliebten Menschen, scheinen, wie die Aussage “Die Angehörigen oder Erben seien nicht unterrichtet worden, um ihnen nicht die schwierige Entscheidung zuzumuten, ob sie die Herausgabe verlangen oder mit einer anderweitigen Verwertung einverstanden sind.” deutlich macht, die Krematorienbetreiber auszunutzen!
    Ist das eigentlich rechtmäßig?
    Kann es rechtmäßig sein, die emotionale Zwangslage der Hinterbliebenen auszunutzen um sich – zumindest – einem nicht gehörende Gegenstände anzueignen?

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