Die Anwaltschaft verkommt zusehends – Die abendländische Kultur ist in Gefahr

rp_Rainerblau-196x300.jpgEs gibt Themen, die haben Dimension. Die kratzen nicht etwa nur irgendwo an Randproblemen der Gesellschaft, sondern stellen fundamentale  kulturelle Errungenschaften in Frage. Und sie können fatale wirtschaftliche Auswirkungen haben. Da liegt es nahe, zumindest mal das Parlament damit zu beschäftigen.

Der Siegener CDU-Landtagsabgeordnete Jens Kamieth, seines Zeichens Anwaltskollege, hat so ein fundamentales Problem erkannt und zum Gegenstand einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung von NRW gemacht. “Plant die Landesregierung eine Abschaffung der Krawattenpflicht vor Gericht für Rechtsanwälte in Nordrhein-Westfalen”, will er wissen, wie in der heutigen Printausgabe der RHEINISCHEN POST zu lesen ist. Dabei hat er auf die aus seiner Sicht sicher fatalen Entwicklungen in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg verwiesen, wo schon jetzt auf streng gesetzlicher Grundlage keine Krawattenpflicht für unsere Berufskollegen mehr besteht.

Der zu Recht um die abendländische Kultur besorgte Kollege hat die Anfrage am 11.11. gestellt, betont aber gleichzeitig, dass es sich um keinen Karnevalsscherz handele. “Ich finde es befremdlich, wenn mir bald ein Anwaltskollege mit Hawaiihemd und Brusthaartoupet gegenübersitzt und der Richter keine Handhabe hat, ihn des Gerichtssaals zu verweisen”, wird der Mann zitiert, und das ist ja nun wirklich ein schauderhafter Gedanke.

Ich räume zerknirscht ein, seit Jahrzehnten keine Krawatte getragen zu haben, nicht einmal in den heiligen Hallen des Bundesgerichtshofs. Das hat mir vor ganz vielen Jahren mal eine Schlagzeile in demselben Blatt, aus dem ich oben zitiert habe, eingebracht. “Keine Krawatte, kein Prozess” hatte es damals geheißen, weil ein Richter mir wegen eines fehlenden weißen Langbinders ein Ordnungsgeld angedroht hatte, was ich zum Anlass für einen Befangenheitsantrag genommen hatte. Danach hatte sich das Thema erledigt, bis auf ein paar gerunzelte Stirnfalten und ein paar schnippische Bemerkungen, die ich mir ab und an (etwa in Bayern, aber das ist auch schon lange her) eingehandelt habe, hat die Justizpflege nicht merklich unter meinem Erscheinungsbild gelitten. Wobei ich einräume, bislang noch nicht mit Haweiihemd und Brusthaartoupet aufgetreten zu sein, aber das wäre ja mal eine Maßnahme.

Ein Sprecher des NRW-Justizministeriums hat gegenüber der RHEINISCHEN POST zutreffend bekundet, dass Rechtsanwälte laut Berufsordnung vor Gericht eine Robe tragen sollen. Daran halte ich mich übrigens auch. Üblicherweise werde dazu eine weiße Krawatte getragen, hat der Mann noch ausgeführt, was nach meinen Beobachtungen längst nicht mehr stimmt. Die Kollegen sind schon seit geraumer Zeit dazu übergegangen, auch farbige und gemusterte Krawatten zu tragen, der weiße Langbinder ist – so traurig man das finden mag – in die Minderheit geraten. Eine direkte Rechtsvorschrift zum Tragen von Krawatten gebe es nicht, hat der Justizsprecher erläutert, das sei eine gewohnheitsrechtliche Angelegenheit. In diesem Zusammenhang hat er – oh Schreck – von einer “juristischen Grauzone” gesprochen. So etwas hört der Landtagsabgeordnete Kamieth sicher auch nicht gerne.

Mit seinen Sorgen weiß er sich allerdings in guter Gesellschaft. Die Geschäftsführerin von Alpi-Krawatten, ein Unternehmen mit Sitz in Deutschlands “Krawattenhauptstadt” Krefeld, springt ihm ganz uneigennützig bei. Sie halte nichts von einer Lockerung der Kleiderordnung für Anwälte, soll Nicole Wassenberg sinngemäß gesagt haben, eine Krawatte verleihe Seriosität. Und bedauert dabei ganz öffentlich, dass sogar Fernsehmoderatoren wie Frank Plasberg mittlerweile im offenen Hemd ohne Krawatte auftreten dürfen. Wie übrigens auch der Trainer von Borussia Mönchengladbach, Lucien Favre, über den ich neulich mal irgendwo gelesen habe, dass Krawatten ihm schon immer ein Gräuel waren.

Ja, traurig, so weit ist es schon gekommen! Die Krawattenindustrie und mit ihr die gesamte deutsche Volkswirtschaft  sind bei einer weiteren Liberalisierung der Krawattentragepflicht ernsthaft in Gefahr.

P.S.: Wir haben im strafblog schon mehrfach zu diesem bedeutenden Thema berichtet. Hier sind die Links:

Wenn´s mir an die Krawatte geht, kann ich ein richtiger Arsch sein! (von Gerd Meister)

Das muss jetzt aber unter uns bleiben. Der Kollege Pohlen kann´s einfach nicht. (von Gerd Meister)

Anwälte sollen rechtlich bedenkliche und überzogene Maßnahmen von Richtern einfach akzeptieren (von Rainer Pohlen)


3 Kommentare zu “Die Anwaltschaft verkommt zusehends – Die abendländische Kultur ist in Gefahr

  1. Jedenfalls bei ungewöhnlichem Kleidungsgeschmack ist die Robe jedenfalls manchmal ganz hilfreich, um den Angeklagten vom Verteidiger unterscheiden zu können.;) Mir sind als Vorsitzender Krawatte und Co. grundsätzlich piepegal, aber einmal war ich doch etwas befremdet, als ein ziemlich beleibter älterer Anwalt in einer Strafsache mit einem bis zum Unterbauch aufgeknöpften, viel Brusthaar und noch viel mehr Bauchfett zeigendem lila-violett-gestreiftem Hemd über der lackledern glänzenden Hose, natürlich ohne Krawatte, dafür aber mit Sonnenbrille und reichlich Haargel, mit lässig über der Schulter geworfener Robe in den Sitzungssaal schlappte. Meiner höflichen Bitte, das Hemd aus ästhetischen Gründen wenigstens bis zur Höhe des Brusthaaransatzes zuzuknöpfen und die Sonnenbrille abzunehmen, ist er dann netterweise nachgekommen.

  2. Der Kleidungsstil des Kollegen Kamieth ist vorzüglich, um nicht zu sagen: Vorbildlich. Andererseits sind mir auch (und gerade) aus dem Siegener Heimatsprengel des Kollegen ebensolche bekannt, die zwar Langbinder tragen, jedoch dadurch nicht gerade die durch Frau Wassenberg beschriebene Serositätssteigerung erfahren. Weder inhaltlich, noch optisch. Laubfroschfarbene Sneaker zu brauner Hose, fliederfarbenem Hemd, grasgrünem Jackett und gelber Krawatte sind meinen Augen in schmerzhafter Erinnerung.

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