„Herz aus Stahl“ – Vom Wahnsinn des Krieges, von der Schuld der Sieger und von dem unentrinnbaren Trauma des Tötenmüssens

 

rp_Rainerblau-196x300.jpgAm Wochenende haben wir uns im Kino das gerade angelaufene Weltkrieg-II-Epos „Herz aus Stahl“ von David Ayer angeschaut, und ich bin immer noch beeindruckt von der Intensität der Bilder und von der schauspielerischen Leistung von Brad Pitt, Shia LaBeouf, Logan Lerman, Michael Peña und Jon Bernthal, die sich als Besatzung eines Panzers mit dem Namen „Fury“ (so lautet auch der US-amerikanische Originaltitel) in den letzten Kriegstagen durch das von den Nazis in hoffnungsloser Lage dennoch erbittert verteidigte Deutsche Reich schlagen.

Auch wenn David Ayer am Ende des Movie-Spektakels wieder in das typisch amerikanische Pathos verfällt und seine fünf Helden in ihrer nicht mehr fortbewegungsfähigen gepanzerten Trutzburg gleich gegen rund 300 SS-Soldaten zum finalen Kampf antreten lässt, habe ich in dem Werk mehr Tiefgang als manch anderer Rezensent entdeckt. Ayer hat keinen politischen Film, sondern bei aller vehementer Action ein psychologisches Werk geschaffen, in dem es im Kern nicht um die Frage der Kriegsschuld oder um die Verbrechen der Nazis geht, sondern um die generelle Frage, was der Krieg aus den Menschen macht, die als Soldaten immer wieder in Extremsituationen geraten und töten müssen, um selbst zu überleben und um ihrem Auftrag gerecht zu werden. Brad Pitt spielt den Panzerkommandeur Collier, der von seinen Leuten respektvoll „Wardaddy“ genannt wird, und der mit dem Großteil seiner Besatzung schon in Afrika und später im besetzten Frankreich gegen die Nazis gekämpft hat und viele Kameraden sterben sah, bevor er in Deutschland angekommen ist.

Es ist April 1945, die Nazis haben ihr letztes Aufgebot mobilisiert, und die US-Amerikaner wundern sich, dass die Deutschen immer noch nicht aufgegeben haben. Die Panzer der Alliierten nähern sich Berlin, aber auch andernorts wird noch gekämpft und gestorben. In dieser Situation wird dem „Wardaddy“ ein junger Soldat namens Norman Ellison, gespielt von  Logan Lerman, als MG-Schütze zugeteilt, der noch nie im Kampf war und ein gefallenes Mitglied seiner Crew ersetzen soll. Ellison hat Angst und vor allem Skrupel, wenn es darum geht, auf Menschen zu schießen. Als er es nicht fertig bringt, ganz junge deutsche Soldaten, fast noch Kinder, abzuknallen, und deshalb ein anderer US-Panzer angegriffen und seine Besatzung getötet wird, greift sein Kommandant zur harten Tour. Er zwingt den widerstrebenden Ellison dazu, einen wehrlosen deutschen Kriegsgefangenen, der um sein Leben bettelt und ein Foto von seiner Frau und seinen Kindern hochhält, zu erschießen, und führt ihm dabei mit Gewalt die Hand.

Scheiße auf das Kriegsvölkerrecht, scheiße auf die Regeln der Humanität, lautet die Botschaft, hier geht es allein darum, der Stärkere zu sein und zu überleben. Der „Wardaddy“ lässt den Deutschen nicht aus Mordlust töten, man hat den Eindruck, er quält sich sogar dabei, aber er tötet aus bitterer Konsequenz und subjektiver Überzeugung von der Notwendigkeit, dem Jungen eine Lehre zu erteilen, damit er und die anderen, die er schützen soll, überleben. Der Krieg entmenscht die Menschen, macht sie zu traumatisierten Tötungsmaschinen, die doch immer wieder situativ bedingt in ihre Menschenhaut zurückkehren, dabei manchmal sogar beten, und versuchen, mit ihren Ängsten und moralischen Bedenken klar zu kommen. Dann stacheln sie sich gegenseitig mit Kampfparolen an, wischen die Angst und die Skrupel beiseite und sind wieder ganz Soldat.

Wer in so ein eingespieltes Team als soldatischer Neuling dazu kommt, der hat es anfangs schwer, akzeptiert zu werden. Er ist ein Sicherheitsrisiko für die anderen, muss erst noch geschliffen werden, bis er funktioniert und dazugehört.

Es gibt eine Schlüsselszene in der Mitte des Films, da dringen der „Wardaddy“ und der junge Ellison in einem gerade eingenommenen Dorf in eine Wohnung ein, in der sie zwei deutsche Frauen vorfinden, von denen sie sich bekochen lassen. „Wardaddy“ animiert den Jungen dazu, sich mit der jüngeren der beiden, fast noch ein Mädchen, ins Schlafzimmer zurückzuziehen, bevor er noch selbst auf die Idee kommt. Das Mädchen ist sehr angetan von dem jungen Soldaten, sie schaut ihn verliebt an und gibt sich ihm ohne viel Zaudern hin. Kurz darauf kommt der Rest der Mannschaft, setzt sich  an den Esstisch dazu und beschwert sich bitter darüber, von der Feier ausgeschlossen worden zu sein. Einer von ihnen, Grady „Rattenarsch“ Travis, grandios gespielt von Jon Bernthal, macht dem Mädchen sexuelle Avancen und will sie sich nehmen, aber das verhindert „Wardaddy“ mit einem Wutanfall und wilden Drohungen. Wenn Travis das Mädchen auch nur berühre, werde er seine Zähne runterschlucken, sagt er sinngemäß. Daraufhin geht Travis zu dem Mädchen, nimmt seinen Teller mit dem darauf befindlichen Spiegelei, leckt dieses ab und fordert die junge Frau mit den Worten „Ich habe sie nicht berührt“ zum Essen auf. „Wardaddy“ tauscht sein Spiegelei mit dem des Mädchens und isst das abgeleckte Ei scheinbar genüsslich auf. Die Szene ist ungeheuer spannend, fast spannender als die imposanten Kampfgeschehnisse draußen im Panzer, weil man einfach nicht weiß, ob und mit welchen Konsequenzen die Situation eskaliert und ob die sonst miteinander verschworenen Kriegskameraden aufeinander losgehen werden.

Mehr will ich nicht verraten über den Film, von dem auch ich kaum sagen kann, ob er eher in die Kategorie „Kriegsfilm“ oder „Anti-Kriegsfilm“ passt. Aber jedenfalls lohnt der Gang ins Kino, das steht für mich fest.

Noch ein Nachsatz: Während des Films musste ich unwillkürlich an meinen fast 90-jährigen Mandanten denken, der als 19-Jähriger gemeinsam mit vielen anderen, zumeist sehr jungen Soldaten, am SS-Massaker von Oradour teilgenommen haben soll. Ich habe mir vorgestellt, wie mancher von denjenigen, die damals auf die wehrlosen Kinder, Frauen und Männer geschossen haben, von Skrupeln geplagt gewesen sein könnte und dennoch unter dem unermesslichen Druck der Situation, aus Gruppenzwang und aus Angst vor den Vorgesetzten mitgemacht hat. Krieg ist ein grausames Geschäft, egal, auf welcher Seite man steht, und immer besteht die Gefahr, dass der Mensch zur Bestie mutiert oder dahin mutiert wird. Welch ein Glück, dass die meisten von uns das nie erleben mussten.


Ein Kommentar zu “„Herz aus Stahl“ – Vom Wahnsinn des Krieges, von der Schuld der Sieger und von dem unentrinnbaren Trauma des Tötenmüssens

  1. Lieber Herr Pohlen,

    ich bin, gelinde gesagt, entsetzt über ihre Ausführungen hier. Nicht nur, dass die typisch amerikanische Darstellung des Deutschen, nicht nur des deutschen Soldaten, Bände spricht, sondern dass Sie hier die Befürwortung von Kriegsverbrechen ohne jede Gegenbemerkung goutieren, macht mich einigermaßen fassungslos. Der einzig bemerkenswerte Gedanke dieses Machwerkes ist Ihnen offensichtlich entgangen: dass die Deutschen offenbar auch noch im April 1945 nicht so sehr von Leuten befreit werden wollten, die Ihnen schon nach dem ersten großen Krieg die versprochenen Friedenbedingungen verweigert und nach vielen Jahren unglaublicher Propaganda und Hetze das ganze Land einschließlich vieler Kulturschätze zerbombt haben. Von den hunderttausenden Frauen und Kindern, die dabei umkamen, gar nicht zu reden. Fragen Sie doch mal Ihren Mandanten nach seinen Fronterlebnissen! Für meine Begriffe ist das ein Fall für die Bundesprüfstelle, aber dort kümmert man sich ja lieber um andere Dinge. Kein Wunder, dass sich für diese amerikanische Selbsbeweihräucherung der europäische Kriegsschauplatz so anbietet, kein anderes Volk würde so etwas unwidersprochen hinnehmen, nur die umerzogenen und geschichtslosen Deutschen klatschen auch noch Beifall.

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