Referendare sind doof!

 

Es ist durch nichts belegt, aber ich vermute, dass es seit dem Australopithecus, der vor ca. 4 Millionen Jahren in Afrika gelebt hat und der zu den Ersten der Gattung Homo zählt, Generationenkonflikte gibt. Die Alten blicken skeptisch bis hoffnungslos auf die Jugend und den mit der heranwachsenden Generation bevorstehenden Untergang von Kultur und Gesellschaft, und die Jugend hält die Alten zumindest  für halsstarrig. „Die heutige Jugend…“ und „Früher war alles besser“ gehört im Wortsinne zum althergebrachten Standardrepertoire der Alten. Das Gegenrepertoire der Jugend ist mir gerade altersbedingt entfallen. Es gibt das aber, soweit ich mich erinnere.

Dem Konflikt liegen naturgemäß unterschiedliche Ansichten auf die Welt zugrunde, ohne dass alleine damit ein Urteil über die jeweilige Qualität der Ansichten oder der Welt zu fällen wäre. Überhaupt erscheint die Beurteilung der Qualität einer Ansicht oder einer Betrachtungsweise schwierig, ist sie doch von der Perspektive abhängig. “ Hey, geh mal zur Seite, damit ich die Welt von deinem Standpunkt aus sehen kann!“, funktioniert in den seltensten Fällen. Auch die Antwort hierauf „Alter, wenn du schon auf meinem Platz stehst, zieh wenigstens deine Brille auf“ –  oder umgekehrt – „Soll ich dir mal meine Brille leihen, Jungspund?“ – ändert leider nichts daran, dass ein Standpunkt allenfalls örtlich eingenommen werden kann, dieser aber durch den Erfahrungshorizont und nicht durch Geodaten verortet bleibt. Schon der alte Heraklit hat dieses Phänomen mit seinem „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu“ zum Ausdruck gebracht. Es geht also um die Frage der Beurteilung subjektiver Erkenntniswerte, die natürlich nicht nur im Generationenkonflikt zum Tragen kommt, sondern zwischen den Subjekten grundsätzlich Probleme verursacht. Um es mit Sartre zu sagen: „Das Böse sind die anderen!“ Reduziert auf den Generationenkonflikt kann man auch sagen: Früher war alles besser!

Diese unumstößliche Tatsache wurde neulich mal wieder in einer Hauptverhandlung beim Amtsgericht bewiesen. Mein Mandant und der Mitangeklagte sollten sich wegen des Vorwurfs einer gemeinschaftlich begangenen Körperverletzung zum Nachteil von zwei ebenfalls jungen Männern verantworten. Die Beweislage war nach Aktenlage diffizil, und ich hatte mir schon die Frage gestellt, ob nicht die vermeintlichen Opfer viel eher auf die Anklagebank gehörten. 10 Minuten vor der Hauptverhandlung standen wir  wartend vor dem Gerichtssaal, als die beiden „Opfer“ die Treppe zum 1. Stock hinaufstiegen. Sie kamen direkt auf uns zu und schüttelten den beiden Angeklagten die Hand.

„So ein Quatsch, dass wir uns tatsächlich vor Gericht wiedersehen müssen. Wir jedenfalls haben keine Anzeige erstattet!“, sagte das eine Opfer.

„Ja, ist blöd gelaufen. Tut uns echt leid, was da bei McDonald´s passiert ist. Aber ihr wart auch nicht ganz schuldlos.“, sagte das andere Opfer.

„Mann, ist doch gar nichts wirklich passiert. Aber ihr habt Recht! Wir waren halt alle besoffen. Scheiß Alkohol! Tut uns auch leid. Das war alles ziemlich bescheuert.“, erwiderte einer der Angeklagten.

„Schwamm drüber. Wechselseitige Entschuldigungen angenommen!“, sagte der andere. „Dann könnten wir jetzt eigentlich zusammen ein Bier trinken gehen, wenn diese doofe Verhandlung nicht wäre.“

Eine korpulente Frau, die auf der neben dem Gerichtssaal liegenden Besucherbank gesessen hatte, erhob sich von ihrem Platz und trat zu unserer Gruppe hinzu.

„Worüber unterhalten Sie sich hier eigentlich. Dürfen Zeugen überhaupt mit den Angeklagten reden? Ich habe die Anzeige erstattet. Und ich bleibe bei meiner Aussage: Die da sind brutale Schläger!“ Dabei zeigte sie mit ihrem dicken Finger auf die beiden Angeklagten und stiefelte dann wieder zur Bank zurück, von wo aus sie uns weiter argwöhnisch beobachtete. Ihre Ohren unter der Kurzhaarfrisur schwenkten wie kleine Satellitenschüsseln in unsere Richtung. Sie nahm akustische Peilung auf,  und daher konnte ihr nicht entgehen, wie eines der „Opfer“ laut und deutlich sagte:

„Was ist das denn für eine Gewitterziege?!“

Zum Glück wurde die Verhandlung aufgerufen. Nach der Anklageverlesung wies ich das Gericht auf die indifferente Aktenlage und die Tatsache hin, dass sich die „Parteien“ vor dem Gerichtssaal versöhnt und wechselseitig entschuldigt hatten. Noch ehe ich das Wort „Verfahrenseinstellung“ mit weiteren Argumenten untermauern konnte, schüttelte die sehr junge Vertreterin der Staatsanwaltschaft energisch den Kopf. Eine Referendarin, die aussah wie eine, die es bereits mit 15 in die Oberprima geschafft hatte. So eine mit wohlgeformten, spitzen Ellbogen und strahlend weißen, scharfen Zähnen, die sich so gerade von der Zahnspange befreit hatten und jetzt darauf lauerten, endlich mal kräftig zuzubeißen. Ich betrachtete die Referendarin näher. Sie war eindeutig hübsch anzusehen, mit einer Ausstrahlung, die die frohe Botschaft verkündete: „Ich hab nicht nur jahrelang artig meinen Lebertran gelöffelt, sondern auch die Weisheit schlechthin. Euch werde ich es zeigen – ihr alten Säcke und Säckinnen!“

Der Richter zuckte mit den Achseln. „Vielleicht hören Sie erstmal zu, was der Verteidiger für weitere Argumente hat? Ich könnte dem Vorschlag nach Aktenlage durchaus zustimmen und habe selbst schon in diese Richtung geda …!“

Die letzten Buchstaben „…cht“ seines Satzes wurden von einem „Nein!“ der Referendarin plattgewalzt. „Dann will ich erst mal die Opfer hören, ehe ich überhaupt anfange über eine Verfahrenseinstellung nachzudenken! Immerhin handelt es sich um einen schweren Tatvorwurf!“ Dabei strich sie sich ihre braunen, glänzenden Haare hinters Ohr, ohne dabei eine Miene zu verziehen. So wie eine Hollywood-Diva in einem Schwarz-Weiß-Film aus den frühen 60igern. Ich war beeindruckt, denn irgendwie hatte sie mit ihrem Argument ja vielleicht sogar Recht, und die alten Filme haben mir schon immer gefallen.

Über die Art ihrer Darbietung sichtlich verärgert rief der Richter das erste Opfer in den Zeugenstand. Das Opfer bestätigte meinen Vortrag und fügte hinzu, dass er null Interesse an einer Bestrafung der Angeklagten habe. Schließlich könne er gar nicht mehr sagen, wer eigentlich mit dem banalen Streit angefangen habe.

Hiernach blickte der Richter fragend die Frau Referendarin an, die wieder den Kopf schüttelte. „Nein!“, sagte sie. „Jetzt will ich noch das andere Opfer hören!“

Als auch dessen Aussage keine andere Beurteilung zuließ, schaute der Richter erneut  zur Referendarin: „Und?“, fragte er. „Wollen Sie jetzt vielleicht mal mit ihrem Ausbilder telefonieren? Oder sollen wir uns noch die anderen 6 Zeugen anhören, wobei – das sage ich Ihnen direkt – einer heute entschuldigt abwesend ist. Wir müssten wegen meines engen Terminkalenders dann irgendwann nach den Sommerferien noch mal komplett neu mit der Beweisaufnahme anfangen.“

Aber die Ohren der Referendarin waren offenbar für Argumente jedweder Art versiegelt. Sie verzog ihren schönen Mund zu einem ein Lächeln andeutenden Schlitz. Ein so enger Schlitz, dass auch dort kein auf Büttenpapier geschriebenes und in einem feinen Briefumschlag verpacktes Argument je hineinpassen würde.

Wiederum sagte sie „Nein!“. „Ich sehe keine Veranlassung anzurufen. Ich bin gegen eine Einstellung des Verfahrens und werde meinen Ausbilder daher auch nicht fragen, ob er das anders sieht!“

Der Richter schlug daraufhin die vor ihm ausgebreitete Akte zu, blickte in Richtung Himmel und dann kopfschüttelnd zu mir. Dabei diktierte er dem amüsierten, älteren Schriftführer  ins Protokoll:

„Das Verfahren wird ausgesetzt. Neuer Termin von Amts wegen. Die Staatsanwaltschaft wird zum nächsten Termin darum gebeten, keinen Referendaren, sondern einen ordentlichen Staatsanwalt zu entsenden.“

Während er so protokollierte, beobachtete ich weiter die Referendarin. Sie verzog immer noch keine Miene. Ich überlegte, wie ich damals als Referendar war. Bestimmt nicht so selbstsicher und beratungsresistent. Aber auf der anderen Seite: Wie oft habe ich mich schon über junge, mutlose  Menschen aufgeregt, die angesichts von Autoritäten zu feige sind, ihren Standpunkt durchzufechten! War sie wirklich so mutig, oder hat sie nur die Anweisung ihres Ausbilders sklavisch befolgt “Egal, was kommt. Keine Zustimmung zur Verfahrenseinstellung.”?

Ist ja auch egal. Warum soll ich mir das Leben schwer machen? Referendare sind doof. Früher war alles besser.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


7 Kommentare zu “Referendare sind doof!

  1. Als jemand, dessen Sitzungsdienst noch keine vier Jahre her ist, kann ich das auch als “Junger” nicht nachvollziehen. Gerade diese “Püppchen” versuchen ja eigentlich, ihren Ausbildern zu gefallen und nicht für Szenen zu sorgen, die dazu führen, dass der Richter auf den Ausbildungsstaatsanwalt sauer ist. Ich hätte da meinen Ausbilder angerufen in der Situation, wenn nicht vorher über die Einstellung gesprochen worden ist. Andererseits, solche Leute wissen auch, dass die Stationszeugnisse für den A…. sind und sie mit entsprechenden Examensnoten – die dieser Typ Referendar dann meist auch hat – sowieso in den Staatsdienst kommen. Wo sie dann als Staatsanwälte weiter solchen Mist machen können – zumindest bis der Vorgesetzte davon Wind bekommt.

    Ich war selbst in nem Verfahren letzte Woche, wo eine junge Staatsanwältin erst von einer als verurteilungsfreudig bekannten Richterin gesagt werden musste, dass es ein Fall des § 153a StPO ist, bevor diese zu dieser Einsicht kam, weil auf uns wollte sie ja im Ermittlungsverfahren nicht hören. Lieber mal ne Anklage schreiben…

  2. Ein Glück hatte ich als Referendar keinen Fall, in dem es auf eine Einstellung hinauslief. Dafür aber Strafbefehle über 60 Ts., die dann zu Freiheitsstrafen von 3-4 Monaten ohne Bewährung wurden (auch wenn ich heute “auf der anderen Seite” stehe, halte ich meine Anträge und die Urteile noch heute für richtig).

    Nichts desto weniger: ich hätte *immer* telefoniert, wenn die Richterin das Thema Einstellung angesprochen hätte.

  3. Ich glaube nicht mal, dass diese Sturheit von ihr stammte. Viele Staatsanwälte trichtern ihren Referendaren gerade zu ein, in diesem konkreten Verfahren AUF KEINEN FALL einer Einstellung zuzustimmen. Da kommt dann auch der Satz: Deswegen brauchen Sie mich auch gar nicht anrufen und wenn sich der Richter auf den Kopf stellt.

    Ich war selbst bei so einem StA, der deswegen auch bekannt war. Man wurde dann im Gerichtssaal schon gefragt, ob man bei DEM StA sei, wenn man bei der Einstellung den Kopf schüttelte. Als Referendar sind dann einfach nur die Hände gebunden.

  4. Ja, ja, der schmale Grad zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit. Wenn die Referendarin hier die eigene Überzeugung vertrat, dann habe ich gewissen Respekt davor, dass sie sich das auch bei derart deutlichen gegenteiligen Hinweisen des Richters getraut hat, auch wenn sie in der Sache nach Ihrer Sachverhaltsschilderung falsch lag und eine kurze Rücksprache mit dem erfahreneren Ausbilder die vernünftigere Wahl gewesen wäre (Es sei denn natürlich, der Ausbilder war tatsächlich so ein sturer alter Querkopf, der ihr selbst eingeschärft hat, ihn in dieser Sache gar nicht erst wegen einer Einstellung anzurufen).

    Ich erinnere mich noch immer gerne daran, als ich als Sitzungsreferendar den mir von der Richterin in der Pause kurz vor den Plädoyers zugezischten Hinweis “das reicht allenfalls für eine einfache Körperverletzung, nur so als Tipp” ignoriert habe und dann in meinem Plädoyer unter etwas ausführlicherer Erörterung der Voraussetzungen mittäterschaftlicher Zurechnung dennoch auf § 224 plädiert habe … und die Richterin überzeugt habe.

  5. …und warum nochmal muss man die Dame nun zwingend als hübsches Püppchen bezeichnen und nicht einfach als das, was sie offenbar ist – ein nerviger Streber? Ich bin wirklich kein Fan des neuen Feminismus, aber diese unnötigen Anspielungen auf Äußerlichkeiten gibt es einfach nur gegenüber Frauen. Und ob sie hübsch war oder nicht tut doch nichts zur Sache.

  6. Meine Station bei der Staatsanwaltschaft ist nun zwei Jahre her. Ich glaube, dass es in diesem Fall eine Mischung aus Ansage vom Ausbilder und eigene Sturheit sein muss. Mein Ausbilder war sehr gut und gab von Anfang an eine große Freiheit. Ich solle ruhig vom Strafvorschlag des Sachbearbeiters abweichen, wenn ich das nach dem Ergebnis der Hauptverhandlung für richtig erachte. Das solle ich dan halt entsprechend begründen. Für den Fall, dass kein Strafvorschlag in der Akte sei, solle ich mich an den internen Richtlinien orientieren, hätte aber auch da freie Hand. “Vielleicht lernen die Kollegen das dan mal!”

    Bei einem Treffen nach einigen Wochen aller Referendare mit zwei Staatsanwälten, um Rückmeldung geben zu können, wurde das Thema angesprochen. Als ich meinte, dass ich von den Strafvorschlägen abweichen würde, kam dieetwas unwirsche Antwort eines Staatsanwaltes: “Die Strafvorschläge sind für Sie verbindlich! Der Sachbearbeiter hat sich schon was dabei gedacht!”

    Ich bin immer ganz gut damit gefahren und auch mein Ausbilder bekam von seinen Kollegen und den Richtern gute Rückmeldungen zu meiner Arbeit.

    Aber selbst wenn man vom Ausbilder ganz eindeutige Ansagen erhält, bedeutet das nicht, dass die heutigen Referendare sich daran halten. In Nordbaden gibt es eine Staatsanwaltschaft die Referendaren explizit verbietet Freisprüche zu fordern, selbst wenn der Fall absolut eindeutig ist. Einige Referendare haben daraufhin einen kleinen Wettbewerb gemacht, wer – in entsprechend klaren Fällen – die meisten Freisprüche fordert.

  7. Vorab mein Sitzungdienst ist erst ein paar Monate her und mir hat meine Staatsanwältin gesagt, angerufen wird nur, wenn Sie einstellen wollen. Ablehnen konnte ich selbst und hab ich auch abundzu getan. Nur dem Fall hier hätte ich sicher angerufen.
    Man muss aber auch sagen, dass es auch einige Verteidiger gibt, die mehr als schwierig sind, besonders solche, die dem Referendar sagen er hätte ja eh von nichts eine Ahnung. Das führt dann halt dazu, dass man, als Referendar, nicht mehr geneigt ist irgendwo anzurufen. Kurz Verteidiger sind auch doof. Zumindestens manchmal.

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